 Die
Bevölkerung von Sidhbari setzt sich aus ca. 5000 Bauern, Hirten
und Arbeitern zusammen. Die Analphabetenrate ist sehr hoch und die
meisten Familien leben von einem Einkommen, das unter der nationalen
Armutsgrenze liegt. Bis vor kurzem konnten die Männer ihren
kargen Lohn aus der Landwirtschaft durch zusätzliche Arbeit
in den hiesigen Schieferminen aufbessern. Seit der Schließung
der Minen müssen sie in einem größeren Umkreis nach
Arbeit als Tagelöhner suchen. Diese Tatsache verschlimmert die
Probleme des Alkoholismus und der Spielsucht bei den Männern
als auch die wirtschaftliche und soziale Belastung für die Familien.
Ihr Zugang zu medizinischer Versorgung ist limitiert. Besonders Frauen
und Kinder machen sich auf Grund von finanziellen und gesellschaftlichen
Einschränkungen selten alleine auf den Weg, wenn sie medizinische
Hilfe brauchen.
Fokus Frauen und Kinder
Auf
Grund der hohen Sterberate bei Minenarbeitern gibt es eine überdurchschnittlich
hohe Zahl an Witwen in dieser Gegend. Diese gesellschaftlich unterprivilegierte
Gruppe wird von unserer Klinik besonders berücksichtigt
Wo
Frauen leiden, sind die Kinder der Familie unweigerlich benachteiligt.
Dies gilt nicht nur für deren allgemeine Entwicklung, sondern
auch für ihre Gesundheit, Erziehung und ihr emotionales Wohlbefinden.
Wir kümmern uns deshalb um Ernährung und Gesundheit der
Kinder und beziehen sie und die Jugendlichen in Ausbildungs-, Umwelt-
und Jugendclubprogramme mit ein.
Unsere
Erfahrung in der Arbeit mit den einheimischen Frauen
Eingehend auf die Bedürfnisse der Gemeinde, die sich durch
die Arbeit der Klinik herauskristallisiert haben, führen
wir seit 1999 Ausbildungs- und bewusstseinsbildende Workshops
für Gruppen bis zu 30 Frauen und Mädchen durch, die
meistens aus der unmittelbaren Umgebung stammen. Erfahrene
Fachkräfte von anderen Organisationen werden dazu herangezogen,
um diese Veranstaltungen mit unseren Mitarbeitern und Stiftungsmitgliedern
zu erfolgreichen und dynamischen Ereignissen zu machen. Die
Teilnahme ist immer engagiert und enthusiastisch und eine neue
Gruppe aktiver, selbstbewusster Frauen hat sich herausgebildet.
In
den vergangenen acht Jahre haben die Frauen des Dorfes zum
internationalen Frauentag am 8. März Volkstänze und
Theaterstücke mit lokaler Thematik aufgeführt. Wir
bemühen uns sehr um eine Erweiterung dieser Programme,
indem wir den Kreis der Teilnehmerinnen auch auf die umliegenden
Dörfer ausdehnen.
Seit
2001 bauen wir unsere Workshops aus, um die Bewusstseinsbildung
und den Informationsaustausch unter den Jugendlichen zu den Themen
Sexualität und Rolle in der Gesellschaft zu fördern.
Durch ihre homöopathischen Anamnesen ist Dr. Barbara zu dem
Schluss gekommen, dass viele chronische Krankheiten auf Eheproblemen
basieren. Es ist daher wesentlich, dass auch die Männer in
die Arbeit mit einbezogen werden, damit sie sich der Probleme der
Frauen bewusst werden und sich damit auseinandersetzen. Belästigungen,
Gewalt in der Familie, dominantes und aggressives Verhalten auf
Grund von gesellschaftlicher Frustration und Alkoholmissbrauch
gehen von den Männern aus, betreffen aber die Frauen ganz
unmittelbar. Dem kann geschickt entgegengewirkt werden, z.B. durch
die Anschaffung von Sportartikeln für den Jugendklub, um eine
Alternative zum typisch männlichen Zeitvertreib wie Trinken,
Spielen, Ärgern und Belästigen in den Teebuden am Straßenrand
zu bieten.
Feldstudien sind eine wesentliche
Grundlage, um die unmittelbaren Bedürfnisse unserer Zielgruppe
zu erkennen und passende Methoden zu finden, diesen Bedürfnissen
gerecht zu werden. Außerdem betrachten wir es als Grundvoraussetzung,
die Bewohner unserer Gegend besser kennen zu lernen, um ihnen besser
helfen zu können. Mit diesen Zielen vor Augen wurde vor zwei
Jahren ein demographisches Forschungsprojekt eingeleitet, das Informationen
eines jeden Patienten, der die Klinik aufsucht, in die Computerdatenbank
aufnimmt.
Genaue sozioökonomische und demographische Informationen
stehen nun zur Verfügung, die das Verhältnis von männlichen
und weiblichen Patienten, den Grad ihrer Armut, den Bildungsstand
und ihre Herkunft anzeigen. Sie werden nun dazu genutzt, die bedürftigsten
Gebiete zu identifizieren.
Folgenden Kategorien für
Frauen in Not in dieser Gegend wurden festgelegt:
Frauen,
Töchter und Mütter von Alkoholikern
Alkoholismus ist endemisch in dieser Gesellschaft, wo das Leben
der Männer physisch sehr fordernd ist und wenig Anerkennung
findet. Gewalt zu Hause ist oftmals gekoppelt mit Alkoholmissbrauch
und die betroffenen Frauen befinden sich außerdem in
wirtschaftlicher Not. Einen Grossteil ihres Einkommens geben
die Männer für Alkohol (auch Rauchen und Spielen)
aus und die Frauen müssen sehen, wie sie für sich
und die Kinder ein Auskommen finden. Es gibt wenig Orte,
an die eine Frau vor ihrem betrunkenen und ausfälligen
Ehemann flüchten kann. Frauen scheuen sich auch davor,
in einer solchen Situation die Nachbarn aufzusuchen, und
die eigene Familie wohnt mindestens eine Busfahrt entfernt.
Trotzdem suchen manche Frauen Schutz in ihrem Elterhaus,
obwohl sie sich die Reisekosten dorthin nicht leisten können
oder auch wissen, dass sie von Seiten der Verwandtschaft
nicht mit Unterstützung rechnen können. Eine Unterkunft
für Frauen würde Opfern von Gewalt Schutz bieten,
bis der alkoholisierte Ehemann ausgenüchtert ist und
die Folgen seiner Gewalttätigkeit einsieht. Gruppentreffen
mit Frauen, die Gewalttätigkeiten erfahren haben, bieten
anderen betroffenen Frauen eine entspannte Atmosphäre,
wo sie über ihre Schwierigkeiten sprechen und – individuell
oder in der Gruppe - Lösungen finden können, mit
einem missbrauchenden Ehemann umzugehen. Beratung ist auch
für jene Ehepaare vorgesehen, die bereit sind, ihr Leben
zu verändern und Gewalt zu vermeiden. Selbstverteidigungskurse
sollen Frauen befähigen, sich selbst aus Situationen
der Gewalt zu befreien.
Emotionell und sozial
Gestörte
und Behinderte Sozio-psychische Benachteiligungen
Fast 5-6 Millionen
Menschen in Indien sind auf Grund verschiedener psychischer
Störungen behindert. Diese Störungen beeinträchtigen
ihr Alltagsleben, die persönlichen, familiären und
gesellschaftlichen Beziehungen und die berufliche Produktivität
und verursachen Kummer und Sorge für das Individuum und
die Familie. Es ist unbedingt erforderlich, die soziokulturellen
Auswirkungen von Geistesstörungen zu erkennen. Dabei sind
die traditionellen und regionalen Besonderheiten des Patienten
zu berücksichtigen, um die Störungen nicht von einem
rein medizinischen Standpunkt aus zu behandeln, sondern als
bio-psycho-soziologische Fälle.
Ein
Teil des sozialen Drucks für die Frauen ist auf das patriarchalische
Gesellschaftssystem und ihre ungleiche soziale Stellung zurück
zu führen. Die soziale Realität, die sie erleben,
hat einen starken Einfluss auf ihre emotionale Gesundheit.
Rollenzuweisungen sind ebenfalls wichtige Faktoren: Frauen
investieren emotionell in ihre Familien. Obwohl sie ständig
für Kinder, Alte und Kranke sorgen, empfinden sie oft
Schuld und haben ein geringes Selbstwertgefühl.
Ihre Arbeit wird wenig geschätzt und gibt ihnen auch keine
Berechtigung, bei Entscheidungen innerhalb der Familie oder
Gemeinde mitzureden. Frauen sind so konditioniert, dass sie
ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Dies beeinflusst
ihre psycho-soziale und emotionale Entwicklung.
Frauen sind oft Opfer von
Gewalt in ihren eigenen Familien, wo sie oft schon als kleine
Mädchen sexuellen Missbrauch erleiden. Sexuelle Belästigung
und andere Verbrechen passieren am Arbeitsplatz, in dieser
Gegend gewöhnlich in den Feldern. In einer Kultur, wo
man es fast für normal hält, dass Frauen so etwas
zustößt und sie obendrein noch beschuldigt werden,
den Mann zum Missbrauch zu verführen, wird ihrem Gefühl
der Hilflosigkeit und ihrer fehlenden Hoffnung und Freude in
keiner Weise Beachtung geschenkt.
Die zunehmende Auswirkung
oben genannter Tatsachen verursachen Depressionen, Angstzustände,
hysterische Ohnmacht, Phobien, Traumata und psychosomatische
Krankheiten. Frauen leiden 2-3 mal häufiger als Männer
unter diesen Symptomen. Die Weltgesundheitsorganisation hat
festgestellt, dass depressive Störungen für 30 Prozent
der neuro-psychiatrischen Behinderungen bei Frauen verantwortlich
sind, aber nur für 12,6 Prozent bei Männern. 10 Prozent
der Frauen leiden unter postnatalen Depressionen.
Alleinstehende Frauen
Diese Kategorie bezieht sich auf alle Frauen, die außerhalb
der Ehenorm leben. Diese Gruppe schließt auch verwitwete, geschiedene
und verlassene Frauen ein, sowie Frauen, die nie geheiratet haben
und 30 Jahre oder älter sind (d.h. weit über dem normalen
Heiratsalter). Einige Frauenorganisationen in Indien haben feministische
Studien durchgeführt und für alleinstehende Frauen Raum
geschaffen, wo sie ihre gemeinsamen Belange identifizieren und sich
ihren Bedürfnisse widmen können. Dazu zählt vor allem
Jagori (Hauptbüro in Delhi) und Astha (Basis in Rajasthan).
Durch ihre Aktivitäten wurde die Kategorie „alleinstehende
Frau“(ekal nari oder ekal aurot) als Basis für persönliches
und gemeinschaftliches „Empowerment“ vorangetrieben.
Im Kangra Distrikt von Himachal Pradesh jedoch gibt es bis jetzt
noch kein solches Projekt.
Im
Juni 2005 führten wir den ersten einer Reihe von Workshops
durch, mit deren Hilfe alleinstehende Frauen in dieser Gegend
gestärkt werden sollen. Ausgebildete Koordinatorinnen
und Vertreterinnen der „Single-Women“-Bewegung
in Rajasthan nahmen teil. Neben unseren eigenen Aktivitäten
wie Versammlungen, Ausbildungskursen und Initiativen zu Selbsthifeprojekten
wurde vereinbart, dass Nishtha in Himachal Pradesh die Schlüsselfunktion
hat und eng mit Sutra, der Zentral-NGO in diesem Bundesstaat,
zusammenarbeitet. Unter ihrer Leitung haben wir Außendienstmitarbeiter
engagiert, die über 20 Frauen in 20 „Panchayats“(s.u.)
in drei lokalen Distrikten kontaktiert haben: zehn in Nagrota,
sieben in Kangra und drei in Raite. Ihre Bedürfnisse werden
dokumentiert und wir laden sie in Gruppen zu unseren regelmäßig
stattfindenden Workshops ein, die im Gemeindezentrum von erfahrenen
Fachkräften aus Delhi durchgeführt werden. Ungefähr
90 Prozent dieser Frauen, die im Rahmen dieses Projektes kontaktiert
wurden, sind Witwen, die anderen sind von ihren Männern
getrennte oder sehr selten auch geschiedene Frauen. Sie leiden
unter einer Vielzahl von wirtschaftlichen, sozialen, psychischen
und physischen Schwierigkeiten, besonders auch unter Misshandlung
durch Familienmitglieder. Sie müssen sehr viel Kraft und
Mut aufbringen, um den Herausforderungen des täglichen
Lebens standzuhalten. Auf die im Kontakt mit den Frauen sichtbar
werdenden Probleme kann am wirksamsten eingegangen werden durch
die Schaffung eines Raumes für alleinstehende Frauen,
wo sie ihre gesamten Angelegenheiten diskutieren können.
Frauen in wirtschaftlicher
Not
Viele dieser Frauen fallen in die Kategorie alleinstehende und/oder
emotional und sozial behinderte Frauen, sowie Frauen von Alkoholikern.
Einkommensförderung durch Selbsthilfe ist der Hauptfokus dieses
Projekts. Dieses Jahr wurden Massagekurse, ein Stofftaschenprojekt
und erst kürzlich unser Backprojekt ins Leben gerufen, um
auch den schwächsten Frauen in dieser Gemeinde zu neuen wirtschaftlichen
Möglichkeiten zu verhelfen. Unterstützung und Hilfe in
Rechtsangelegenheiten, um sicherzustellen, dass Frauen Zugang zu
allen ihnen zustehenden staatlichen Hilfen bekommen, ist ein weiterer
wichtiger Aspekt unserer Arbeit.
Zu
verheiratende und neu verheiratete Frauen
Dies ist eine wichtige Gruppe von Frauen, die besondere Sorgen
und Bedürfnisse haben. In dieser Gesellschaft erfahren
sie viele Einschränkungen in bezug auf das Verlassen des
Hauses, das Verrichten sinnvoller Aktivitäten und sind
gleichzeitig isoliert von jenen Frauen, mit denen sie Ängste,
Sorgen und Schwierigkeiten teilen könnten. Junge Frauen,
die in Kürze verheiratet werden, sind normalerweise gesellschaftlich
isoliert, da sie nicht mehr zur Schule gehen und die Familien
sie streng behüten, um Skandale oder Gerüchte zu
vermeiden. Diese jungen Frauen sind zumeist ebenso verängstigt
wie aufgeregt bei der Aussicht auf die massive Lebensveränderung,
die mit einer Verheiratung einhergeht. Da fast alle Frauen
nach der Heirat ihr Elternhaus verlassen und bei ihrem Ehemann
und dessen Familie leben, verliert eine neuverheiratete Frau
den Rückhalt der eigenen Familie und Freunde und gerät
in die fragilste Lebenslage, in der sie sich jemals befinden
wird. Frauen in dieser Lebensphase sind an das Haus und die
Felder der Familie gebunden, und sie brauchen Jahre, bis sie
sich in der Gemeinde des Ehemanns wieder eine geachtete Position
aufgebaut haben. Junge Frauen aus der Gegend, neu verheiratete
als auch zu verheiratende, haben vorgeschlagen, dass ein Nähzentrum
ein legitimer Platz wäre, wo sie sich treffen und auch
eine brauchbare Fertigkeit lernen könnten in einer Zeit,
wo sie am Jugendclub nicht teilnehmen dürfen. Nähen
ist eine von den Eltern
und der Schwiegerfamilie anerkannte Tätigkeit, für
die sie das Haus verlassen dürfen.
Ein Nähzentrum würde diesen jungen Frauen einen Platz
bieten, wo sie über ihre Ängste und Schwierigkeiten
sprechen können, während sie gleichzeitig etwas lernen
und sich vielleicht sogar durch den Verkauf von Taschen und
anderen Produkten ein kleines Einkommen verschaffen können.
Junge
Leute
Nicht nur die Mädchen
im Teenageralter, sondern auch die jungen Burschen
erfahren enormen Druck, die sich ständig vergrößernden
Meinungsverschiedenheiten mit ihren Eltern bzgl.
der Erwartungen an das Leben in Einklang zu bringen.
Die Selbstmordrate bei jungen Leuten nimmt zu,
da sie auf Grund der hohen Erwartungshaltung dieser
Gesellschaft wenig Hoffnung sehen, ihren eignen
Ambitionen oder denen ihrer Eltern zu entsprechen.
Arrangierte Heiraten in der richtigen Kaste, fehlende
Verdienstmöglichkeiten trotz höherer
Ausbildung und die Erfahrung von Frustration angesichts
der Unmöglichkeit, ein Leben zu leben, wie
es im Fernsehen und in Filmen vorgespielt wird,
tragen dazu bei, der Jugend in dieser Gegend das
Leben schwer zu machen. Verhaltensprobleme, Depressionen,
Alkoholismus, Drogen und kleinere Delikte ergeben
sich zwangsläufig.
|